Bundesverband der
Siebenbürger Sachsen in Österreich

E-Mail: bund@7buerger.at
Bundesvorsitzender Manfred Schuller
Franz-Schubert-Str. 11 4813 Altmünster
Tel.: +43-7612-89504

Schriftführer Mag. Rolf Morenz
E-Werkstr. 53 4840 Vöcklabruck
Tel./Fax: +43-7672-20549

ZVR-Nr: 852540304
Verband
Geschichte
Siebenbürgen, Teil des Königreiches Großrumänien 1919-1944

Das Ende des I.Weltkrieges 1919 leitet ein völlig neues Kapitel in dem bewegten 20. Jahrhundert ein. Die Geschichte Siebenbürgens, zunächst Teil des Königreiches Ungarns, dann Großfürstentum unter Tributpflicht der Türken, darauf Teil der Habsburgermonarchie und wiederum Teil der ungarischen Reichshälfte der Donaumonarchie, wird nun Teil Großrumäniens. Für die Siebenbürger Sachsen bedeutet es den Eintritt in einen neuen, vorletzten Abschnitt ihrer Geschichte.

 

Der rumänische Nationalismus meldet sich in einer anderen Weise an und rückt in den neuen Geschichtshorizont. Das rumänische Volk war in erdrückender, zahlenmäßiger Überlegenheit. Sie haben es somit nicht nötig die Minderheiten zu "rumänisieren". Die neue, zentralistisch bestimmte Politik aus Bukarest, die sich den französischen Zentralismus als Vorbild nahm, setzt die wirtschaftlichen und über diese indirekt aber effizient auch politischen Akzente.

 

Die wirtschaftlichen "Reformen" leiten das unter dem Namen "Rumänisierung Siebenbürgens" bekannt gewordene Vorgehen ein. Der von Bukarest aus zentral gesteuerte Staat veranlasst die völlige Integration Siebenbürgens ins Großrumänische Reich. Konkret folgte damit auch der desastruöse Einbruch "balkanischer Verhältnisse" in Siebenbürgen. Rumäniens historische Entwicklung war von der jahrhundertewährenden türkischen Herrschaft geprägt. Die Phanarioten, griechische Günstlinge des Osmanischen Reiches waren als Herrscher in den rumänischen Landesteilen eingesetzt und mit ihnen kam jenes, auch heute noch nicht ausrottbare System der Günstlingswirtschaft, der "Bakschisch. Tschubuck" -Bestechungsmentalität und des Schlendrians. Die vorher westlich, österreichisch-ungarisch verwaltete und geordnete Welt mit gut funktionierenden Strukturen wird umgekrempelt und unter balkanisch-chaotische Leitung gestellt, in der Willkür, Bestechung und systembedingte Unsicherheit lag. Auf Kosten des wirtschaftlich fortschrittlicheren Siebenbürgens sollte die viel ärmere Walachei und die Moldau gefördert werden. Im Dezember 1918 erklären die Rumänen den Anschluss Siebenbürgens an Großrumänien. Den " mitwohnenden Völkern" wurde zunächst sehr überzeugend die volle nationale Freiheit zugesagt. Auf diese Zusage hin stimmten schon am 1. Jänner 1919 die Siebenbürger Sachsen in Mediasch dem Anschluss zu. Im Hintergrund dieser klaren Entscheidung für Rumänien stand das Versprechen des Völkerbundes, die Einhaltung der Minderheitenrechte zu überwachen. Das jahrhundertewährende gute Verhältnis der Siebenbürger Sachsen mit den rechtlich benachteiligten Siebenbürger Rumänen prädestinierte eigentlich zu einem gedeihlichen Zusammenleben. Der Versailler Friedensvertrag nahm Ungarn nach über 900 Jahren Siebenbürgen weg und übertrug es Rumänien. Tatsache war, die bevölkerungsstärkste Gruppe Siebenbürgens waren zu diesem Zeitpunkt die Rumänen. Nach den leidvollen Erfahrungen mit dem ungarischen Chauvinismus hoffte man auf neue, tolerantere Zeiten. Die in Siebenbürgen beheimateten Rumänen hatten schon 1909 eine Erklärung über die Rechte der Minderheiten und die Toleranz herausgegeben. Gerade die rumänische Elite aus Siebenbürgen hatte aus dem Zusammenleben der Nationen viel gelernt und ihre Vertreter aus Kirche und Volk waren ehrlich bereit, Toleranz und ein gutes Klima des Miteinander zu schaffen. Sie sahen in den Deutschen Siebenbürgens eine Bereicherung und achteten ihre Kultur, ihren Fleiß und ihre wirtschaftliche Kraft. Diese fortschrittlichen und ehrlichen Absichten wurden jedoch durch die Einflussnahme des Bukarester Zentralismus vereitelt. In führende Posten kamen Rumänen von jenseits der Karpaten, die überhaupt keine Erfahrungen mit Minderheiten besaßen und die an die eigene Selbstbereicherung dachten. Sie sorgten für die Durchsetzung der Befehle von Oben, kontrollierten und intrigierten all zu oft, bereicherten sich und hielten Hof.

 

Zunächst weckte der Anschluss Siebenbürgens an Großrumänien bei den Siebenbürger Sachsen hehre Träume. Man wähnte sich in einer ausgezeichneten Ausgangslage. Hatte man sich nicht immer wieder für die Rechte dieser bevölkerungsreichsten Gruppe stark gemacht? Hatten nicht Siebenbürger Sachsen erste Aufzeichnungen über das kulturelle Erbe der Rumänen gemacht und den ersten rumänischen Druck eines "Katechismus" vorgenommen? So sahen viele, Naive, aber auch Realisten eine neue verheißungsvolle Zukunft unter Rumänien vor sich.

 

Die Ernüchterung aus solchen Träumen und Erwartungen war gewaltig. Schritt für Schritt folgten Übergriffe Rumäniens gegen die Minderheiten, im Besonderen gegen die wirtschaftlich besser gestellten Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben. Erste Schritte richteten sich gegen den materiellen Besitz der Siebenbürger Sachsen.

 

Zum ersten, großen und schmerzlichen Eingriff Rumäniens in Siebenbürgen kam es durch den staatlich verordneten Umtausch der Kronen in Lei, im Verhältnis 2 zu 1, das heißt 2 Kronen für einen Leu, obwohl die Parität genau umgekehrt war und die Kronen den doppelten Wert eines Leu ausmachten. Rumänien setzte sich darüber hinweg. Es war eigentlich staatlicher Raub am Eigentum, unter dem fadenscheinigen Vorwand der notwendigen Währungseinführung. Viele Betriebe und Banken verloren damit die Hälfte ihres Kapitals. Die neuen Bürger aus dem reichen Siebenbürgen wurden geschröpft. Im Namen einer undurchsichtigen, anscheinend ausgleichenden Gerechtigkeit werden die reichen Siebenbürger ärmer und die ärmeren Rumänen aus den unterentwickelten Provinzen nicht reicher. Dieser Ausgleich führte de facto jedoch nur zur Selbstbereicherung einer politischen Elite. Die schnellen Wechsel der politischen Parteien an der Staatsmacht verkürzten die Zeiträume der Selbstbereicherung und so wurde sie immer dreister vorangetrieben.

 

Es folgte der zweite Streich:

 

Die sogenannte Agrarreform wurde offenkundig einseitig gegen die Minderheiten ausgelegt und durchgeführt. Diese führte zum Verlust des großen und wertvollen Grundbesitzes der Nationsuniversität, der sogenannten "Siebenrichterwaldungen" der Siebenbürger Sachsen. Die politisch in die Bedeutungslosigkeit versunkene Nationsuniversität wird 1937 vollständig aufgelöst.

 

Auch die Evangelische Kirche der Siebenbürger Sachsen verlor durch die Agrarreform 55% ihres Bodenbesitzes. Durch diese Enteignungen fehlte die finanzielle Grundlage, die wichtige Einnahmen für die Erhaltung ihrer konfessionellen, evangelischen Schulen. Das brachte in diesen schweren Krisenjahren wirtschaftlicher Not eine beträchtliche Belastung der Minderheit der Siebenbürger Sachsen, da sich der rumänische Staat seiner gesetzmäßigen Pflicht der Erhaltung der konfessionellen Schulen fast gänzlich entzog. So musste die Last auf den Schultern der deutschen Bevölkerung verteilt werden und drohte sie zu erdrücken. Viele fühlten sich ungerecht behandelt und benachteiligt. Kirchenbeitrag und Schulgeld waren zu diesem Zeitpunkt höher als die staatlichen Steuern. Das sonst gute Einvernehmen der Sachsen zu ihrer Kirche erlitt Einbrüche und führte zu Spannungen. Die einfachen Leute verstanden nicht, was ihnen widerfuhr und die oft lieblose Vorgangsweise gegen säumige Zahler verärgerte und vergrämte. Wie sollte man das verstehen, wenn die Kinder aus der Schule nach Hause geschickt wurden wegen Nichtzahlung der Beiträge. Wie sollte man das begreifen, wenn Verstorbenen wegen Zahlungsrückständen die christliche Beisetzung verwehrt wurde. Diese massive finanzielle Belastung in schweren, wirtschaftlich notvollen Jahren hat das Ansehen der Kirche und ihrer oft auch selbstherrlichen Repräsentanten geschmälert.

 

Die Besitzungen der sächsischen Dörfer, die so genannte "Gemeinerde- Allmende", wie Wald und Weiden wurde ebenfalls zur Hälfte enteignet und den rumänischen Nachbardörfern übertragen. So entzog man vielen Bauern die Existenzgrundlage. Als zu allem Übel noch die Weltwirtschaftskrise den Verfall der Agrarpreise herbeiführte, gingen viele Kleinbetriebe in den Bankrott. Unzufriedenheit und Unmut machen sich unter der Bevölkerung breit. Die große Enttäuschung über die Wortbrüchigkeit der Rumänen hinterließen eine wilde Wut und zunehmend auch Verachtung. Man konnte den Versprechungen nicht mehr trauen und der Völkerbund sah tatenlos den Benachteiligungen der Minderheiten zu. Vor der widerrechtlichen Behandlung der Minderheiten verschloss man die Augen, wollte sie nicht sehen.

 

Als Antwort auf diese staatliche Willkür und den Rechtsbruch hält man den eigenen Nationalismus und ein überhöhtes Selbstwertgefühl hoch. Im Kampf gegen die groben Entrechtungen sah man das Deutsche Reich als natürlichen Verbündeten an, hatte es doch auch unter den menschenunwürdigen Bestimmungen des Versaillers Vertrages zu leiden.

 

Die neuen deutschen Ideologien werden in diesen bewegten Jahren dankbar aufgegriffen und zur Abwehr auch begeistert übernommen. Die Blicke wenden sich dem Völkischen zu, ohne zunächst die kirchliche Zugehörigkeit in Frage zu stellen, da völkisches und kirchliches unentwirrbar zusammenlief.

 

Ich bin der festen Überzeugung, dass diese neuen Umstände und Benachteiligungen der Minderheiten unter Rumänien eine tiefe Verstimmung zwischen der " Volkskirche und dem Volk" auslöste. Durch die gesetzlichen Bestimmungen wurde die Notlage ausgelöst. Die Evangelische Kirche wurde gezwungen, diesen harten Weg durchzusetzen, wenn sie das Überleben als Minderheit sichern wollte.

 

Die politische Ohnmacht und wirtschaftliche Not bestärkte die Sachsen in der Überzeugung, dass die bis dahin gut funktionierende Kirche diesen neuen Herausforderungen nicht gewachsen sei. Man verliert Schritt für Schritt, ohne es sich zunächst eingestehen zu wollen, das Vertrauen in seine Kirche und deren Vertreter. Ärger und Missmut machen sich breit und ein tiefer werdender Spalt zwischen Volk und Kirche tat sich auf. Der Unmut gegen die Kirche und den Bischof führt zur schrittweisen Trennung der zuerst noch zusammengehenden kirchlichen und völkischen Gemeinschaft. Da die Kirche es nicht mehr schaffte, die Rechte der eigenen ethnischen und konfessionellen Minderheit gegenüber Rumänien durchzusetzen, hielt man Ausschau nach neuen, mächtigeren Helfern, die sich in der wachsenden völkischen Organisation anbieten. Der Ruf nach dem starken Mann, nach kräftigen Ideologien wird laut.

 

Es war aber auch immer stärker die Rebellion der Jungen gegen die alten, etablierten Herren. Es war eine Revolte gegen das Bewährte und das konservative Element, das sehr stark von der Kirche vertreten wurde.

 

Andererseits war die Kirche sehr tief im Volk verwurzelt und in seiner Seele verankert und hielt ihre Position und das Ansehen bei vielen Menschen, im Besonderen den älteren Mitgliedern der Gemeinschaft. Man konnte sich nicht so leicht von ihr lossagen. Auf unseren Dörfern hatte sie in vielen Bereichen das Sagen. Die gewählten Vertreter des Presbyteriums waren somit auch mit den demokratischen Vollmachten ausgestattet. Der Einbruch des nationalsozialistischen Gedankengutes erfolgte über die Studenten, Bücher, Zeitschriften, aber auch ganz besonders durch die unbeschwerte und unbesorgte Begeisterung der Jugend. Anfangs versuchte man auf kirchlicher Ebene mit den neuen Ideen mitzugehen, sie in das gemeinschaftliche Leben zu integrieren. Während in der Kirche die Alten, die "Presbyter" das Sagen hatten und als solche konservativ und vorsichtig handelten, sehnt sich die Jugend nach Macht und Selbstbestimmung und sucht ihrerseits ohne Kirche die Verwirklichung ihrer Ideale. Nachdem sich die Jugend jedoch nicht durch kirchliche Amtswalter bevormunden lassen wollte, löste sie sich von ihr und baute eine eigene Struktur auf.

 

Der große Umbruch zeichnete sich ab. Gleich einer gewaltige Woge wird das Land überflutet und in den Bann der völkischen Ideen gezogen.

 

Die linke Ideologie griff zu dieser Zeit nur wenig oder gar nicht, weil sie in den kleinbäuerlichen Strukturen kaum verankert war und in den Städten nur wenige Anhänger hatte. Auch einige Arbeiter meinten die Verwirklichung ihrer Träume im nationalsozialistischen Gedankengut zu finden.

 

Die rechte Ideologie von Blut und Boden, sowie der Machtfaszination und des sozialdarwinistischen Kampfes stärken das neu aufgeflammte Nationalbewusstsein. Immer mehr Anhänger der neuen Ideologie begegnen den wenigen Skeptikern. Die Faszination der Macht, die gekonnte Inszenierung und Propaganda des Führers ließ die Herzen höher schlagen und schaltet die nüchterne Vernunft anscheinend aus. Ins Religiöse wird die Rettergestalt des Führers und seine neue Ideologie verklärt. Viel stärker wirkte aber die neue wirtschaftliche und politische Macht Deutschlands, dieses riesengroßen Volkes, dem sich die benachteiligte und verunsicherte Minderheit der Volksdeutschen in die Arme wirft. Das "Reich" lässt die benachteiligte deutsche Minderheit in Siebenbürgen neue Hoffnung schöpfen und schafft ihr ungeahnte politische Freiheiten und Rechte.

 

Es kommt zur Pflege deutschnationaler Gefühle. Das Gemeinschaftserlebnis im "Wandervogel", zunächst noch in und dann außerhalb der Kirche, wird zur überwältigenden Erfahrung.

 

Der Wandervogel wird zur beliebten Organisation der Jugendlichen. Gesang, Ordnung und auch Wohltätigkeit für die Gemeinschaft prägt den "Deutschen Menschen". Reinheit, Anstand, Gehorsam und Ehrlichkeit heißen die neuen Tugenden. Das bis dahin geltende kirchliche Monopol über Bildung und Jugendarbeit wird Schritt für Schritt zurückgedrängt, nachdem es zunächst im Schatten und mit dem Wohlwollen der Kirche zusammenlief. Unmerklich wandelt sich das starke volkskirchliche Bewusstsein in das neue "Volksbewusstsein". Damit bekommt das "völkische" Element bei den als Minderheit immer national bewussten Siebenbürger Sachsen eine ungeheure Dynamik. Das mächtige Dritten Reich, welches sich Schritt für Schritt in der Welt etabliert, erobert in einem noch nie da gewesenen Propagandafeldzug die Menschenherzen. Endlich hat man einen mächtigen Partner für eine faszinierende Zukunft. Diesem neuen Deutschland traut man blind und setzt alles auf eine Karte.

 

Das vom Nationalsozialismus regierte Deutsche Reich vertritt erfolgreich die Rechte der deutschen Minderheiten. In Staatsverträgen und Abkommen versucht Berlin mit all jenen Staaten, in denen deutsche Volksgruppen leben, deren Rechte zu sichern. Dort wo es keine Regelungen gibt und keine Aussicht darauf bestand, kommt es zu den bekannten Umsiedlungen in neue Gebiete in der deutschen Herrschaftssphäre.

 

In der Kirche sehen weitsichtige Verantwortliche, wohin dieser Weg führen muss und es kommt zu Spannungen zwischen Volksgruppe und Kirche. Obwohl die Leitung in Berlin grundsätzlich anti-kirchlich eingestellt war, räumte sie aus politischem Kalkül den Kirchen der sogenannten "Volksdeutschen" zunächst mehr Rechte als im Reich ein.

 

Die neu genährte Hoffnung sieht an der Seite des mächtigen Reiches auch eine erfolgversprechende Politik in Rumänien. So wird die Welle der Enteignung durch Rumänien abgeschwächt und die gewünschte und ersehnte Autonomie der Deutschen in Rumänien Wirklichkeit. 1940 unter dem Druck des Deutschen Reiches auf das verbündete Rumänien wird diese Autonomie zur Wirklichkeit und es scheint so, dass damit auch die pro-deutsche Haltung sich legitimiert und als richtig empfunden wurde.

 

Der deutsch-rumänische Wirtschaftsvertrag vom 23.März 1939 bringt eine fühlbare Besserung der Wirtschaftslage und erste Erfolge nach schweren Krisenjahren und wirtschaftlicher Depression. Rumänien selber tritt in immer engere Beziehungen zum Dritten Reich und ahmt es in gewissen Dingen nach, wie das die "Garda de fier" ("Eiserne Garde") vorzeigt. Jetzt geht es bergauf und man sieht das Licht am Ende des Tunnels und eine weit überhöhte verheißungsvolle Zukunft. Die politischen und wirtschaftlichen Erfolge lassen schließen, dass man den richtigen Weg gewählt hat.

 

Unter dem Rittmeister a.D. und Bankangestellten Fritz Fabritius werden reformerische und nationale Gedanken in die "Erneuerungsbewegung" geleitet. Er kämpft engagiert gegen die laue Haltung der führenden politischen und kirchlichen Männer. Die neue Bewegung sieht sich berufen dem neuen Geist zum Durchbruch zu verhelfen. Die Eingriffe sollen kontinuierlich erfolgen, jedoch nicht radikal. Er weiß, dass man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten darf. Die Eigendynamik der Bewegung jedoch reißt ihn mit und so entgleiten ihm auch die Zügel.

 

Unter Alfred Bonfert, der sich auf den bündischen "Südostdeutschen Wandervogel" stützt, wird durch die Sommer-Arbeitslager die städtische Jugend angesprochen, begeistert und ideologisch geformt. Gemeinschaft und Naturerlebnis, völkischer Treue und Traditionsgeist ohne Kirche weisen auf die beginnende Loslösung von der Kirche. In den Städten war dieser Prozess der Emanzipation von der Kirche schon viel weiter fortgeschritten als auf dem Land. So drängt man aus dem siebenbürgisch-sächsischen Kontext die Kirche mit ihrem christlichen Proprium hinaus. Alles DEUTSCHE wird bejubelt, verklärt und als zukunftsträchtig angesehen. Die Kirche steht diesen Wandel anscheinend machtlos gegenüber. Nach erster Faszination kommt das Befremden über die antichristliche Haltung und die Erkenntnis, dass die nationalsozialistische Ideologie die Kirche abschaffen will und mit ihrer Radikalität gerade die Volksdeutschen als Minderheiten im Osten in ihrer Existenz und Zukunft bedroht.

 

Bischof Dr. Glondys und Bischofsvikar Dr. Friedrich Müller, sowie Leute wie Dr. Viktor Roth versuchen sich gegen die einbrechende Flut neuer Begeisterung und völkischer Erhebung zur Wehr zu setzen, jedoch ohne wirklichen Erfolg.

 

Die Spaltung der Erneuerungsbewegung in eine gemäßigte unter Fabritius und eine radikale unter Bonfert führt zur Gründung der "Deutschen Volkspartei Rumäniens". Deutschland ruft die beiden Vertreter nach Berlin und setzt sie eigenmächtig ab. Die nun wieder geeinte Bewegung wird unter die Führung Dr. Wolfram Bruckners gestellt.

 

Der Untergang der Donaumonarchie löste das Interesse Deutschlands für die deutschen Minderheiten im Osten aus. Die Idee des "Pangermanismus" rückte die "Volksdeutschen" ins Bewusstsein Deutschlands. Durch die Machtergreifung Hiltlers wird die Idee der Verantwortung Deutschlands für die Volksdeutschen und auch deren eigenes politisches Interesse bewusst.

 

Zum ersten Mal in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen mischt sich die deutsche Führung in Berlin direkt in deren Anliegen ein. Nach dem II. Wiener Schiedsspruch wird Dr. Bruckner von der eigenmächtigen Reichsregierung abgesetzt. Der unerfahrene junge Andreas Schmidt wird von höchsten Stellen favorisiert und introniert. Die in den Jahrhunderten praktizierten demokratischen Wahlordnungen der deutschen Minderheit und ihre Entscheidungen werden durch diktatorische und zentralistische Anordnungen aus Berlin außer Kraft gesetzt. Ihre Protegees und willigen Handlanger werden von oben her ernannt. Der neue Volksgruppenführer Andreas Schmidt war überfordert. Er konnte nicht durch besondere Bildung und Weitblick punkten und war den Ideen verfallen. Auch das Vertrauen des Volkes ist nur sehr begrenzt vorhanden, als er seine Funktion übernimmt. Als zukünftiger Schwiegersohn von General Berger in Berlin hatte er einen einflussreichen Fürsprecher.

 

Die neue Orientierung führt zur Erschütterung der patriarchalen und konservativen Ordnungen. Die alten demokratischen Strukturen der Siebenbürger Sachsen mussten der Diktatur weichen, die alles vereinfacht und durchschlagkräftiger schien. In der neuen Hierarchie stand der Führer an der Spitze und in seinem Sinn und Auftrag arbeiteten seine Gesandten und Bevollmächtigten. So wie mit Reichsmarschall Hindenburg die alten Weimarer Republik zu Grabe getragen wurde, wird durch den Nationalsozialismus die alte Ära der Siebenbürger Sachsen zu Grabe getragen. Es folgte die offene Revolte der begeisterten Jugend gegen die etablierte Gesellschaft, gegen die Kirche und die bis dahin geltenden Normen. Gerade die Verbundenheit zu der evangelischen Tradition und Kirche, zur Dorfgemeinschaft und Heimat wird durch die neue Ideologie aufgeweicht und zum Teil auch immer mehr in Frage gestellt.

 

Der Machtkampf der dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts spiegelt die schon seit geraumer Zeit brodelnde Krise der siebenbürgisch-sächsischen Gesellschaft wider. Für viele beginnt der Abschied vom Vertrauten und die begeisterte Zuwendung zum so aufregend Neuen. Dennoch war die Wende schwieriger als angenommen, die Entwicklungen dieser Jahre komplexer, als in einem Abschnitt und von einem später Geborenen eindeutig darstellbar.

 

Zu stark war man im Alten verwurzelt. Der kurze Zeitraum intensiven Werbens der neuen Weltanschauung konnte nicht einfach die in Jahrhunderten gesammelten Erfahrungen auslöschen. Oft überdeckte die Ideologie das Alte, welches im gegebenen Moment der Sinnkrise wieder durchbrach. Bei einigen bröckelte die nur mehr schwache christliche Fassade, hinter der keine Tiefe, kein echtes Gottvertrauen mehr lag. Der christliche Glaube konnte von dem neuen, religiös-verbrämten Ideal des Deutschen Reiches erstickt werden. Gerade die untrennbare Verbindung zur Gemeinschaft, die das Christsein auszeichnet und dem Impuls des christlichen Geistes entsprang, verdrängt diese Wurzel und ersetzt sie durch das Völkische.

 

Gegen die vollkommene Verdrängung und Ideologisierung steht die jahrhundertelang währende Existenz evangelischen Christseins, die Verantwortung für sein Volk, ethnische und konfessionelle Gemeinschaft stiftete. Nun schob der Krieg und die Krisensituation den Einsatz und die Opferbereitschaft für das Volk und das Vaterland in den Mittelpunkt. Die Erfahrung von Leid, Trauer und Tod griff jedoch auf den christlichen Trost und das von der christlichen Gemeinschaft Getragensein zurück.

 

Vom Neuen beeindruckt, den anfänglichen Erfolgen begeistert, erleben die Siebenbürger Sachsen dennoch immer wieder auch das Gefangensein im Alten. Ich denke, erst der Krieg und alles, was dieser II. Weltkrieg brachte, bereitete den Weg für die Loslösung aus der eigenen Geschichte und Kirche. Nur wenige Siebenbürger Sachsen lösen sich ganz aus dem volkskirchlichen Leben und der Gemeinschaft. Nur meist fanatische, junge Siebenbürger Sachsen kommen ohne Kirche und christlichen Glauben aus.

 

Die existenzielle Bedrohung durch den II. Weltkrieg festigte die Verbundenheit und Treue zum Dritten Reich und schuf eine gewisse Identifikation mit Deutschland. Es verhalf der neuen Weltsicht für kurze Zeit zum Sieg. Der Blitzkrieg und die ungeahnten Erfolge auf den Schlachtfeldern werden sich dann als wahre Pyrrhussiege erweisen. Für viele einfache Leute, aber im Besonderen gebildete Lehrer und Pfarrer wirkte diese neue Geisteshaltung wie ein Fremdkörper. Der geforderte Kadavergehorsam, das Militaristische und Martialische war eigentlich keine Sache für die eigentlich friedliche, bäuerliche und handwerkliche Bevölkerung. Wenn nun ein Pfarrer wie Robert Gassner zum völkischen und politischen Führer wird, kommt es bei Vielen zum Befremden. Andere sehen in dieser Entscheidung eine logische Folge. Zwischen der christlichen Berufung und der politischer Funktion sahen viele einen inneren Widerspruch.

 

Mit den schmerzhaften Verlusten an der Front und durch die Kriegserfahrung gereift kam für einige nach der Begeisterung die große Ernüchterung. Der Nationalismus mit seinem Rassenwahn und der Überschätzung des eigenen Volkes zeigte ein Antlitz, dass gerade in der ethnischen und konfessionellen Vielfalt des Zusammenlebens in Siebenbürgen fremd und bedrohlich war. Die Zugehörigkeit der Siebenbürger Sachsen zum Deutschen Volk war in erster Reihe eine Verpflichtung für die eigene Kultur. Man stellte die Leistungen und seine Geschichte den anderen Volksgruppen gegenüber und war stolz für das Erreichte. Die Überschätzungen und auch die Überheblichkeiten einiger "Reichsdeutschen" widersprachen den eigenen Überzeugungen und Erfahrungen. Die oft angetroffene herablassende Haltung der echten Deutschen gegenüber den "Beutegermanen", wie man die Volksdeutschen lieblos bezeichnete, befremdete unsere einfachen Landsleute.



Letzte Aktualisierung:  29.12.2004 21:55